Islam und Christentum - Zusammenleben oder Konfrontation?
Seit einiger Zeit stellt sich die Frage nach den Möglichkeiten eines Zusammenlebens der verschiedenen Kulturen und Religionen in der Welt. Sie scheint nicht nur einen sozialen oder theologischen Aspekt zu haben, sondern ist zu einer Sicherheitsfrage geworden.
Wenn wir an den Islam denken, stellen wir uns Bilder der Pilger nach Mekka vor, die Rituale, verschleierte Gesichter der Frauen, die sich in Europa mehrenden Türme von Minaretten. Dazu kommt das geheimnisvolle Wort "jihad", der religiöse Fundamentalismus, die Begriffe wie al-Quaida, Taliban, Hamas. heute machen sich nur Wenige Gedanken über die Grundsätze des Islam oder den Ursprung der Konflikte zwischen unserer westlichen Kultur und der orientalischen Welt. Im Gegensatz zum Christentum ist der Islam gleichzeitig Religion, Politik und Kultur. Im Laufe der Jahrhunderte hat sich der Islam in der arabischen Welt ausgebreitet. Seine Anhänger sind aber auch Afrikaner, die Einwohner des alten Persien und die Völker Südostasiens.
Der Islam wächst von Jahr zu Jahr - die Welt zählt bereits mehr als eine Milliarde Gläubige Allahs. Die muslimische Diaspora in Europa vergrößert sich auch. Die meisten europäischen Muslime wohnen in Albanien, Bosnien oder im Kosovo, und ihre Zahl übersteigt in ganz Europa bereits 20 Millionen. Für das Jahr 2025 wird mit ca. 50 Millionen Allahgläubigen im "christlichen Europa" gerechnet- nicht nur Einwanderer, sondern auch im alten Europa Geborene.
Woher kommt die Popularität des Islam in Europa?
Für viele Europäer ist er deshalb verlockend, weil der Westen mehr und mehr weltlich geprägt ist. Die Faszination ist begleitet von der parallelen Angst vor dem islamischen Fundamentalismus* und dem "heiligen Krieg". Die automatische Zuordnung verschiedener Gruppen von Muslimen als "fundamentalistisch" wäre jedoch ein Fehler. Der islamische Fundamentalismus ist ein Ausdruck der Rebellion gegen ethische und kulturelle Werte des Westens. Ein Zeichen dieser Rebellion ist der "Jihad", der "heilige Krieg". Zunächst als Kampf gegen das Böse in sich selbst gedacht, wurde er später als bewaffneter Konflikt gegen Andersgläubige verstanden und ist sogar zum Schlagwort der islamischen Terroristen geworden. Insbesondere Europa ist heute der Treffpunkt dieser zwei Religionen und Wertewelten. Gegenüber dem Christentum steht der Islam, der an Kraft gewinnt. Islamisten werden immer radikaler, und das Christentum wird gefährdet. Zwar haben wir den großen Patriarchen Abraham gemeinsam. Unsere Wege gehen aber auseinander, wenn wir zu Jesus kommen, der für die Christen der Sohn Gottes ist, für die Muslime einer der Propheten.
Gibt es einen Dialog? Wo finden wir Gemeinsamkeiten? Beide Religionen stützen sich auf Gebote: Das Christentum hat seine 10 Gebote, der Islam die 5 Säulen. Beide Religionen haben ihre heiligen Schriften: Das Alte und Neue Testament und der Koran mit seinen Suren. Papst Johannes Paul II. sprach von einem Dialog auf der Grundlage gemeinsamer geistiger Werte. Religiöse Menschen suchen Gott, um die Wahrheit über sich selbst zu erfahren. Dieser Dialog muss aber unbedingt mit gegenseitigem Respekt für die Religionsfreiheit erfolgen. Er verlangt nach gleich starken, ebenbürtigen Partnern. Weder militärische noch wirtschaftliche, sondern geistige Stärke ist hier gefragt. Das liberale Christentum macht den Islam stärker. Manche Christen, enttäuscht vom Christentum, gehen zum Islam über, weil sie dort die Hingabe an und den Eifer für Gott sehen. Wir brauchen in Europa eine neue Begeisterung für Jesus Christus, ein starkes Christentum mit starken Kirchen, die geistige Kraft zeigen und keine Angst vor ihrer Gesellschaft und vor Menschen haben, die keine überzeugten Christen in der Politik wollen. Wir brauchen in Europa eine politische christliche Vertretung auf nationaler und gesamteuropäischer Ebene. Eine kritische und breit gefächerte Diskussion über bedenkliche Entwicklungen innerhalb der islamischen Gemeinschaften in Europa ist notwendiger denn je.
Die Voraussetzung für den europäisch-arabischen Dialog ist auch das "Lebensrecht" für die orientalischen Christen. Sie dürfen leider keine politische Unterstützung seitens der EU erwarten. Zwar sind Muslime ab und zu Vorverurteilungen ausgesetzt, andererseits stehen integrationsbereiten Muslimen höhere Schulen, Universitäten sowie alle Berufsfelder offen - ganz im Gegensatz zur chrisltichen Minderheit in islamisch geprägten Ländern.
Die unerfreulichen Entwicklungen der letzten Jahre haben uns gezeigt, dass wir nicht viele Alternativen haben: entweder Dialog oder Konfrontation. Um Dialog mit erhobenem haupt zu führen, brauchen wir eigene geistige Stärke.
Georg Schefzyk, katholischer Dipl.-Theologe, Sozialpädagoge,
Mitglied des AUF-Landesvorstands Baden-Württemberg
* Der Islamismus ist eine politische Ideologie, die aus dem islamischen Fundamentalismus hervorgeht. Im Islamismus gilt der Islam nicht nur als Religion, sondern auch als ein politisches System, welches die rechtlichen, wirtschaftlichen und sozialen Aspekte der Funktionsweise des Staates auf der Grundlage der wörtlichen Auslegung von Koran und Hadish regeln soll. Das Ziel ist die Einführung des islamistischen religiösen Staats, regiert im Einklang mit den Grundsätzen des religiösen Rechts, der Scharia.
Dieser Artikel ist im AUF-Infobrief 1/09 erschienen.
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Bild: istockphoto


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